Samstag, 1. Dezember 2012

Weihnachtsmarkt, existenzielles Encounter-Erlebnis

W'Markt ist das Kürzel für das Rattenrennen zu den "Fröhlichen Fresstagsfeiern".  "W" wie Weh! Das drückende Dunkel der Jahrzeit summiert sich mit dem illumminierenden Glühwein-Geschunkel abgehetzter Dienstleister und gefühlskalter Konsumenten.
 
 

Sonntag, 2. Dezember: Gestern online geschaltet, einen Tag später schon über 150 Zugriffe.


Fakten, wie immer und überall, sind überaus simpel: Unser Lebensstandard ist mit meiner Verrentung zum einen massiv überhöht, zum andern sind unsere Lebensgrundlagen damit massiv untergraben. Dreizig oder fünfunddreizig Jahre reichen - trotz zumeist guter Geldgewinnungslage als Angestellter - eben nicht aus, um die mehr als zweitausend Euro meiner letzten Bezüge aus Altersteilzeit auszugleichen. Die letzten von Arbeit befreiten achtzehn Monate mit diesem guten Geld werden also als die Goldenen Monate in meine Biografie eingehen. Was folgt, was jetzt folgt, ist unser gemeinsamer Lebenskampf auf niedrigerem Niveau. Von meiner Jugend-Macho-Herrlichkeit ist nicht viel mehr geblieben als demütiges Mühen als Gehilfe meiner Marktfrau. Dazu greift das Alter mit seinen gichtigen Krallen und seiner trotteslnden Tapsigkeit nach mir.


So schlimm wird es schon nicht werden, wenn Mima mit ihren Lebkuchen die Arbeit in der Weihnachtsmarkthütte versüßt.

Es versteht sich, dass das Leben mir meine Geschichtchen im Guten wie Bösen emotional überhöht. Wozu sonst schreibt man über die Dinge, ohne dafür Geld zu kassieren, wenn nicht zur Entlastung? Um solche Situation mit Humor zu nehmen, hilft G. I. Gurdjieff mit seiner unvergleichlichen Geschichte "Beelzebubs Erzählungen für seinen Enkel."



Wir genießen unsere letzten freien Wochenende vor dem anstrengenden  Weihnachtsmarkt-Geschäft. In München am Chinesischen Turm wie an gefühlten 50 anderen Orten drängen sich die Buden der Marktkaufleute.

Abfahrt zur Arbeit von München nach Bamberg, 250 Kilometer. Unsere beiden VW-Busse sind startbereit. Ihr Bus, die "Seekuh" ist voll gepackt, um unsere Zweitwohnung nahe dem Marktplatz Bamberg einzurichten. Mein VW-Bus, die "Walkuh", ein WoMo VW-Crafter, muss zum TÜV und zur Wartung, um für neue Abenteuer fit zu sein. Meine Ersparnisse vor der unausweichlichen Altersarmut reichen noch für ein paar Reisen.

Gepackt für den Abmarsch: Ein Abstecher noch nach Erlangen, um letzte Ware einzuladen, dann zur "Ferien"-Wohnung in Bamberg. 

Freitag, der 23. November

Aufstehen um 5.43 Uhr. So beginnt mein Leben als Gehilfe meiner kleinen Frau mit großem, liebenden Herzen und kleinem, mageren Marktfrauen-Einkommen. Sie hat viel Zeit im Jahr damit verbracht, ihr Tausenderlei für ihre vier mal zwei Meter kleine Markthütte einzukaufen, vorzubereiten, in kunstfertiger Handarbeit herzustellen und auf ihren Reisen mit mir  in Marokko, Litauen, Lettland und Tschechien preiswerter als hierzulande einzuhandeln. Aber diese auf Reisen erstandenen Kleinigkeiten sind kaum mehr als ein kleines Zubrot, eine Erinnerung. Das Motto meiner Marktfrau war, ist und bleibt: "Mühsam nährt sich das Eichhörnchen."



Wir genießen unsere wenigen freien Stunden in der romantischen Arbeitswohnung an der Regnitz, auch....


... auch wenn wir bis nach Weihnachten nun mit Bananenkartons es uns gemütlich machen müssen.

Samstag, der 24. November

Es braucht einige Zeit, sich in der gewohnten Wohnung einzuleben. Schlaflosigkeit bei zunehmendem Mond ist vorprogrammiert. Mein Marktweiblein hat gestern schon ihre "Seekuh", den VW-Transporter, mit der Hütteneinrichtung vollgeladen. Heute war uns das Wetter wohl gewogen. Es hat uns Spaß gemacht,  den Anhänger aus der Garage zu ziehen und mit den drei Bodenplatten, sowie den zehn Seitenteilen der Weihnachtsmarkthütte zu beladen. Wenn der Rohbau dann am Montag steht, schützt eine dicke Plastikplane als Dach uns und die Waren vor dem Wetter. Dass wir diesmal nach dem Totensonntag aufbauen, mindert den Umsatz um eine Woche. Doch mir reichen vier volle Wochen von morgens bis abends, selbst wenn mir meine Marktfrau nur Vertretungsstunden während der Mittags- und Nachmittagspause zuteilt. Meine Welt findet Vergnügen an Noten, Büchern, Buchstaben, Zeitungen, Filmen und viel Ruhe. Ein wenig Sport, Spiel und Spannung im Schwimmbad, der Sauna, ein Spaziergang ist auch noch ganz hübsch. Doch als Freund vieler Arbeit hat mich noch nie jemand gelobt - außer meiner Frau ab und an, die mir daher auch lieb und teuer ist. Wer will schon die Wahrheit über sich selbst wissen? Launige Lügen erleichtern das Leben.



Der letzte gemeinsame Sonntagsspaziergang vor den nächsten vier offenen Verkaufs-. In der Altstadt von Bamberg ist der Stadtplan seit etwa 400 Jahren unverändert geblieben. Mode und Technik wie Kommunikation und Verkehr haben sich dem Stand der Zeit angepasst.

Übel ist es nur, wenn das Leben uns auf unangenehme Wahrheit so stößt, wie man junge Hunde in ihren Auswurf  drückt, um sich einer sauberen Stube mit dem Vieh zu erfreuen. So fällt uns auf, dass ihr ur-ur-alter Anhänger lange TÜV fällig war. Nach längerem Sinnen dämmert es uns langsam, dass der Hänger schon vor 14 Monaten, im September 2011, beim TÜV hätte seinen Segen bekommen müssen. Voriges Jahr sind wir im Herbst durch Rumänien, Bulgarien, Griechenland, Albanien, Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich gereist, dieses Jahr trieb es uns im Frühling durch Marokko, im Herbst durch Polen, Litauen, Lettland, Tschechien.



Bei keinem Bericht aus Bamberg darf das Bild des Alten Rathauses auf der Regnitz-Brücke fehlen. Das Bild sieht man häufiger als die Sonne im November.

Als ihr Flug sie von Marrakech zurück brachte nach München, fing gleich danach ihre Marktarbeit in einer kleinen Holzhütte am Straßenrand an. Im Frühling und Sommer verkauft mein Marktweib von morgens bis abends Spargel, Erd-, Heidel-, Himmel- und Brom-Beeren. Da ist uns beiden der Anhänger-TÜV durch das Raster der Erinnerung gefallen.


Schon am Sonntag ist der Marktplatz vollgestellt mit dem Budenzauber, aus dem sich in den kommenden Wochen die Besucher mit Glühwein, Bratwurst und Süßwaren stärken und hoffentlich auch Mimas Waren kaufen.

Dennoch erklärt mir Reisen mehr vom Leben als all die schlauen Bücher, Zeitungsartikel, Talkshows und Filme. Wie Handwerken in Essaouira, der Stadt der Winde an der Atlantikküste, Holz bearbeiten, um daraus schmucke Kästchen mit phantasievollen Einlagen zu verzieren, wie der Russe im Freilichtmuseum von Riga in Lettland mit sehnigen Händen Tag für Tag kleine Kreisel dreht, wie die Marktfrauen in der Schwarzmeer-Küstenstadt Constanta ihr Holzspielzeug preiswerter verkaufen als Großhändler hierzulande, das zeigt mir die Unerbittlichkeit, sein Brot zu erwerben, mehr noch, um seinen Lebensunterhalt zu kämpfen.



Um den Bedarf bei sinkenden Einkommen zu decken, überschwemmen Ein-Euro-Waren billigster Produktion den Markt. Der widerliche Wettbewerb weltweit gilt als "Cut-Throat-Competition".
 
"Und wenn es köstlich ist, war's Müh' und Arbeit...", tröstet ein sinniger Spruch. Jeder sieht sich von ähnlichen Ereignissen, Schicksalen umgeben. Der junge Mann, 13 Jahre nach mir geboren, der jedes Jahr bislang in den letzten 15 Jahren mit ungeheuer Kraft und unerschöpflicher Energie die Hütte mit aufgebaut hat, erstmalig ist er nicht mehr dabei, kann nicht mehr dabei sein. Krebs zehrt an seiner Lebenskraft und niemand weiß wie lange - noch.


Das Schicksal entscheidet, wie lange wir uns unseres Lebens erfreuen. Manchmal strengt es schon an, sich des Lebens zu freuen.

Das 87jährige Mütterchen lebt zwar in geordneten, warmen, sauberen Verhältnissen, doch ihr Gang zur Bushaltestelle 50 Meter vor der Tür fällt ihr schwerer und schwerer. Niemand kann helfen, wenn die Kernspin-Tomographie diagnostiziert, dass das Blut schlechter und schwerer das Gehirn versorgt. Schwindel und Taumel lassen jeden Schritt zur Gefahr werden zu stürzen. Man braucht viel, viel Mut, alt zu werden.


Die verwinkelten Gassen mit dem Kopfsteinpflaster über die Sieben Hügel von Bamberg sind für sehr alte Leute kaum mehr zu bewältigen.

Doch die Krähenfüße unseres Alterns spiegeln sich mir auch rund um die Lachfalten, die Augen meiner lieben Frau. Die Jahre lassen mich merken, wie meine Beine langsamer mich bewegen. Wie sind die leichtfüßigen Jungen zu bewundern, die geschwinden Schrittes an mir vorüber schweben, selbst sie sich noch mit reicher Beute an Einkaufstaschen beladen.



Wem der Weg zu beschwerlich wird, kann nicht mehr an den den sakralen Show-Einlagen der klang-, licht- und weihrauch durchfluteten Domhallen teil haben.

Das alte Mütterchen hingegen bewegt sich schwerer und schwerer in die belebend bewegende Warenwelt der Licht durchfluteten Kaufhäuser, um sich mit ihren bescheidenen Vorräten zu versorgen. Hilfe im Alter kann sich der kaufen, der dafür 26 Euro pro Stunde zahlt. Denn diese Fachkraft muss als Pfleger examiniert sein, um hilflose Greise stützen zu dürfen. Ehrenamtliche Hilfskräfte gibt es nur für wenige Glückliche, die diese Hilfe in der Lotterie des Lebens gewinnen.



Die Arbeit von Bauern, Handwerkern und Marktkaufleuten unterscheidet sich fundamental von der Verwaltungstätigkeit weltlicher und klerikaler Machthaber. Banken-Crash und Bauern-Kriege haben ähnliche Ursachen: Unmäßiges Wirtschaften verantwortungsloser Eliten.

"The winner takes it all..." tönt wie aus den US-Western, wo sich Siedler in ihren Wagenburgen gegen feindliche Ureinwohner wie gegen die feindliche Natur rücksichtslos zur Wehr setzen. Mittlerweile verlieren selbst einstige Gewinner, weil sie sich die Natur zum Feind machen.


Auch wenn der Anblick von Schlössern, Kathedralen, Bank- und Bahnhof-Palästen Menschen überwältigen soll, das Unrecht ungleich verteilter Lasten ist kriminell.

"The winner takes it all..."  ideologisieren die Neoliberalen Markt-Kapitalisten ihren gnadenlosen Gewinne gegen Mensch und Natur. Die Eliten in den Oberstübchen der Macht richten sich dergestalt gewichtig in den höchsten Etagen ein, bis die aufgetürmten Gewinngesellschaften krachend einstürzen. "Krieg den Palästen, Friede den Hütten!" Doch was uns hier Hütten sind, sind für Menschen aus den Ein-Dollar-Pro-Tag-Slums gleich ganz große Paläste.



Die klerikale Kirchenkunst am Dom zu Bamberg symbolisiert: "Eure Pfaffen, Politiker und Priester plündern Euch aus bis auf's letzte Hemd!"

Was chinesische, indische, arabische und wohl immer mehr auch europäische elende Arbeitsbedingungen in den Markt drücken, Plastikprodukte der Ein-Euro-Shops, produziert im "Cut-Throat-Competition", im gnadenlosen Wettbewerb. Es kommt mir vor, dass es keine andere existenzielle Wahrheit gibt als die, dass es nicht mehr zu verlieren und zu gewinnen gibt als sein Leben.

Wie lange sich persönlich die Anspannung von meiner Frau und mir noch aufrecht halten lässt, um zwei Autos und einen Anhänger zu finanzieren, lässt sich nicht absehen. Über alles lässt sich streiten, nur eins bleibt ganz gewiß ein Gemeinplatz: Nichts ist für immer. Also schließe man am besten in seinen schlaflosen Stunden die Augen, um zu sehen, was von allem bleibt: Herzschlag und Atem.


Die Eröffnungswoche des W'Marktes

"Einkaufen ist keine unschuldige Beschäftigung", mahnt ein bedächtiger Mensch, nachdem bei einer Fabrik in Bangladesch und im Schwarzwald in einer Behinderten-Werkstatt Menschen verbrannten. In Asien produzierten die Menschen T-Shirts, im Schwarzwald Autoteile. Konsum und Klimaerwärmung kommen zusammen.

 Experten warnen davor, den Ausstoß von Treibhausgasen zu steigern. Atiq Rahmann, Klimaexperte aus Bangladesch, warnte schon bei der ersten UN-Klimakonferenz in Berlin 1995 davor, dass sein Land unbewohnbar werde. Der Mann wütete weiter: "Dann werden wir mit unseren nassen Füßen in eure Wohnzimmer kommen."

Niemand wird in die Festung Europa, in die bewachten Ghettos der Reichen eindringen, wenn nicht mit List und Tücke oder brutaler Gewalt. Viele Konsumenten, die seit Jahren Einkommen zu Gunsten der Gewinnmargen der neoliberalen Umverteilung opfern mussten, kaufen geizig, gierig und geil die Waren, welche der Egoismus gnadenlos Mensch und Natur abverlangt. Wahrscheinlich ist es weniger Zynismus als schlicht Tatsache: Wenn Kinder in Asien nicht in Fabriken oder in Steinbrüchen ihren Reis mehr verdienen, dann verhungern sie eben. Erst Spenden wie an Arzneimitteln und Nahrung verringern die Kindersterblichkeit in Afrika, Asien, in Lateinamerika. Erst wer ausreichend ernährt und gewachsen ist, dem kann die Industrie Waffen verkaufen, auf dass sich die Massen mörderisch dezimieren. Vermutlich arbeitet aber der technische Fortschritt daran, die Kinder mit leichteren Waffen zu versorgen, dass auch die Kleinen wirksamer sich gegenseitig abschlachten.


Montag morgen: Der Rohbau der Weihnachtsmarkthütte steht. Das Dach ist über die Dachbalken gerollt und an den Seitenwänden befestigt. Der Regen kann kommen und er kommt auch pünktlich.

Freunde, welche vorab eine Fassung dieses kommenden Blog-Beitrags erhalten haben, begeistern mich mit ihren Kommentaren. Die meisten lesen den Blog oder sehen sich einige Bildchen an, ohne sich dazu zu äußern. Doch gute Freunde antworten - poetisch, psychologisch, praktisch, politisch, philosophisch, pädagogisch oder polemisch:

Poetisch:

a b z ä h l r e i m
ora et labora
hammer oder bohrer?
immer feste ran
und - d u - b i s t - dran



Psychologisch:

letzte lösung: du findest dich mit deiner altersarmut ab (die eher eine armut der fantasie ist) und tuckerst mit deinem womo durch weniger industrialisierte länder, in denen billige bazare und neidische blicke dir ein gefühl von reichtum vermitteln. deine unheilbare schwermut versülzt du dann weiterhin in hirnzersetzende pamphlete. vorteil = du brauchst nichts ändern

und jetzt hilf deiner fleißigen frau!


Polemisch:

ja nee iss klar
iss hart
Das drückende Dunkel des illuminierten Glühweins
piehs män


Priesterlich paternatlistisch:

Hör’ auf zu jammern!!!

Praktisch:


Die „trotteslnden Tapsigkeit“ ist doch eh nix Neues!


Politisch:

Yes, the winners take everything, without alternatives....they simply care a shit...and all with the assistance of corrupt and useless politicians....

Posttraumatisch:


Mein Rat: nimm den Kram nicht so ernst. Jesus war auch nur ne Art Gottes-Junkie mit einem lokalen Dachschaden. Warum soll man so einen nicht befeiern. Warum nicht mit dem verdammten Glühwein, den ich, norddeutsch und von gutem Weinanbau weit entfernt, auch sehr gerne trinke?


Patent der Poet:

'trottlig-tapsigkeit' des alters ist noch nicht zu verspüren, jedenfalls b e w u s s t nicht, dafür recht viel diverse scheißegalität. aber das wird ja wahrscheinlich gut so sein.

Pädagogisch philosophisch:


Markt ist gut. Lebendige Orte. Bin dieser Tage auf dem Tollwood beschäftig.


Sich zu kennen und andere zu kennen ist ein und dasselbe. Du kennst andere so weit, wie du dich selbst kennst.

Präsent, patent, potent:

deine tagebuch aehnlichen berichte sind deiner situation unangebracht depressiv. nicht dass du nicht mit vielem recht haettest, aber dein fokus ist hauptsaechlich auf die scheisse gerichtet. das tut dir glaub ich nicht gut.


Primitiv:
munich-sannyas-list] Re: Weihnachtsmarkt, existenzieller Erlebnis-Encounter    
Posted By:   azkia_yes
  Sat Dec 1, 2012 1:33 pm  |


hallo ....

habe gedacht der email adresse war eine andere,
n0by4you, jetzt, ist auch gelöscht,

habe geschaut in die
http://www.n0by.de/2/rst/AmericanBitch2.htm  sind immer noch die fotos von Bhagwan und Sheela, diese mal auf dem kopf, mit der gleiche text,

wie lange der Erhard verstehe nicht was respekt ist, auch nur in diese einfache sinn von eine foto, für mich hat nicht zu tun mit diese yahoo group,

love azkia



Existenzielles Encounter

Es ist meiner Erfahrung und Beobachtung nach, Illusion zu glauben, dass die Ereignisse und Ergebnisse eines Lebens zu steuern sind. Illusorisch die Ansicht: Abhängig von Einsatz, Anstrengung, Begabung soll das Leben Erfolge und Einsichten bringen gleich den Zinsen einer Kapitalanlage. Illusiorisch die Hoffnung, sein eigenes Humankapital hoch bis zum Ableben zu verzinsen, um später sechsstellige Summen für die Heimpflege vor seinem Sterben zahlen zu können. Wer am Ende täglich für schwindelnd hohe Preise gefüttert und gewindelt wird, hinterlässt seinen Erben, sofern es die gibt, den Rest.

Störstellen schlagen ein in jede berechnende Vorschau. Schockschwere Schläge weisen die Richtung, welche existenziell notwendig - und nicht individuell erwünscht, erfleht oder erbeten. Gerade die "Großen Guten Geister", einsichtig in Notwendigkeit, opfern sich auf dem Altar einer unbewußten Horde immer im "Auftrag des Herrn unterwegs", wie den Blues Brothers das Drehbuch vorschrieb.

 Im "Auftrag des Herrn" kommt Gutes wie Böses, Schädliches wie Nützliches, Tod, Geburt, Krankheit, Verderben, Alter, Lust und Einsicht. Gnade mag bei Bemühungen Bewußtsein rascher entwickeln als im dumpfen Sumpf geiz-gieriger Gewalt- und Genuss-Sucht. Solch moral-philosophische Ansichten bleiben paternalistischer Buchstabenbrei. Erkenntnis brennt nur eigenes Erleben, Erfahren - meist dazu schmerzhaft - ins Bewußtsein, ins Herz.


Religionsstifter wie Jesus oder Bhagwan opferten sich im Sinne unumgänglicher Notwendigkeit. Wie hilflos ihr heilsames Wirken vergeht, zeigt das Angebot für "Sex, Sinn-und-Soziales", welches Nonnen und Priester alter wie neuer Kirchen vermarkten. Wer sich gläubig übt, qualifiziert sich zur Meisterschaft. Gut geglaubt, ist schon die halbe Miete im Rüstzeug der Religioten. Schließlich investiert der Gläubige in überirdische Werte wie Erleuchtung, Himmelfahrt, No-Mind, Wiedergeburt in höherer Kaste oder einfach nur, um sich nach dem Tod an willfährigen Jungfrauen oder an einem Platz zu Rechten Gottes zu erfreuen. Dass Priester und Nonnen konkurrierender Kirchen wie Kesselflicker um Kunden keilen, versteht sich, weil jeder Vertreter seines  Kirchen-Clubs die "allein-selig-machende-Wahrheit" besitzt. Parole daher: Kampf den Ketzern!

Was fiebernde Frömmler und Kirchen-Kunden als "Gottes Lohn" erwarten, bleibt ebenso verwunderlich wie die Bunga-Bunga-Bumms-Burleske-Bordell-Betriebsamkeit der Polit-und-Managment-Eliten im Stil von Berlusconi. 

Zum Glück schlagen zwar viele, aber lange nicht alle Menschen mit abstrusen Übungen oder verqueren Vergnügunen ihre Zeit tot. Zahllose Menschen,  Musiker, Maler, Mystiker erfüllen existenziell erforderliche  Aufgaben ohne Rücksicht auf  Besitz, Erfolgsaussicht oder auf Gesundheit. Ihr Handeln im Einklang Innerer Einsicht und Stimmung ist dieser selteneren Spezies weit wichtiger, als wohlige Wörtchen zu erwarten. Solche Schön-Reden sind ohnehin meist dem Halt einer Gruppe geheuchelt, geschmeichelt, geschuldet sind. Was nicht echt, das zerstört existenzielles Encounter.

Wer sich an unangehmen Sätzchen schon stört, kennt es noch nicht: Existenzielles Encounter wie Krankheit, Armut, Alter und-oder Tod seiner geliebtesten Nächsten.

Lächerliche Wortklauberei, wenn die Polit-Eliten aus dem Armutsbericht Sätzchen streichen wie: "Die Privatvermögen sind in Deutschland ungleich verteilt." Die Debatte darüber ist ebenso wenig Polit-Encounter, wie für die Meisten die Welt nicht untergeht, wenn sie weniger und weniger haben. Encounter fängt an, wenn sich prekäre Massen mit der Polizei zu prügeln beginnen. Existenziell wird Encounter dann, wenn Tränengasschwaden Menschen das Augenlicht kostet oder das Leben. Das trifft zwar weder "Esotiker" in ihren Quatsch-Klubs, trifft auch keine Vorstadt-Musikanten in ihrer sozialen Matte, trifft auch keine erfolgreiche Dorf-Politesse gut vernetzt in ihren Schenk-Kreisen, das trifft eben nur den Menschen im Fadenkreuz der Front.

Ebenso hat nur der Antennen für das kollektiv Kommende, unabhängig individueller Interessenlage, der sich soweit sensibilisiert, dass er aus Ereignis-Rastern Netze knüpft mit seherischem Blick in die Zukunft. Wie auch immer ein verhetzter Mob mühende Mystiker in ihrer Magie beschimpft und verfolgt, ändert nichts. Mystiker sehen und verstehen die Zeit-Zeichen, schreiben und sprechen darüber. Manche verarbeiten Erkenntnis in Bildern, Liedern, Filmen oder Theatern. Bittere Botschaften von Vereinzelten finden nur wenige Menschen,  den Sinn der Sätze zu sehen. Gegen allgegenwärtiges gesellschaftliches Gekitzel wie in Auto-, Rad- oder Pferderennen, in Box- oder Fußballarenen, in der Dummheit theatralischer Unterhaltungsindustrie kann Kassandra im Dritten Jahrtausend nicht laut genug klagen.

Der besoffene Reigen um das Goldene Kalb, das Hölzerne Pferd vor den Mauern in Troja, übertönt alles.

Nach existenziellem Encounter wie verlorenen Welt-, Vietnam-, Iraq-, Afghanistan-Kriegen, nach Katastrophen, die Natur und-oder Technik über uns bringen, nach solch schweren Schocks ändert sich die Meinung der Herrschenden, die die herrschende Meinung machen. Jedenfalls für die Zeit des Wiederaufbau.

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